Hier finden Sie eine kleine Auswahl der vonTierphysiotherapeutin Tanja Merchel oder von mir geschriebenen Artikel.
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16.04.21

Leinenpöbler und andere spannende Hundebegegnungen
Immer wieder stellen Hundehalter fest, dass die Leinenführigkeit an sich schon ganz gut klappt. Aber bei der Begegnung mit anderen Hunden ist plötzlich alles vergessen und der eigene Hund verhält sich so, als wäre er noch nie vernünftig an der Leine gegangen.
Die unerwünschten Reaktionen bei Hundebegegnungen sind ebenso vielfältig wie die Gründe dafür. Schlechte Erfahrungen im Welpenalter, zunehmend veränderte Ansprüche in der Pubertät oder sozial motivierte Aggression können die Auslöser dafür sein.
Allen Auslösern kann zugrunde gelegt werden, dass die Individualdistanz (aus Sicht des Hundes) zu gering ist. Im Freilauf gibt es ausreichend viele Möglichkeiten der Kommunikation untereinander. Kritische Situationen werden körpersprachlich entschärft, indem beschwichtigend geschnüffelt wird oder andere Demutsgesten gezeigt werden. Dazu gehört auch das bekannte Bogen laufen und mehrfaches „züngeln“, also sich um den Fang lecken. Dies alles ist an der Leine nur bedingt oder gar nicht möglich.
Hunde haben ein feines Gespür für sich subjektiv anbahnende kritische Situationen. Dies kann schon der auf Entfernung stehende Artgenosse mit hochgestellter Rute und frontal zugewandtem Körper sein. Wenn der andere Hund auch noch näher herankommt, dann ist es schnell vorbei mit der guten Erziehung. Der Hund hat Stress.
An der Leine gibt es nun für ihn vier Möglichkeiten, diesen Stress zu bewältigen:

  • Flucht

  • Erstarren

  • Übersprunghandlungen („den Clown spielen“)

  • Kampf

Wenn er bei Hundebegegnungen mit einer oder mehreren Möglichkeiten Erfolg hatte, wird er sie immer wieder anwenden wollen.
In dieser Situation ist der Halter gefragt. Er sollte, ggf. anfangs unter Anleitung eines erfahrenen Hundetrainers, den Hund „lesen“ lernen. Nur dann kann er rechtzeitig eingreifen, wenn der Hund in unerwünschte Verhaltensmuster zurückfällt. Weiterhin ist es seine Aufgabe, unerwünschtes Eindringen von fremden Hunden in den eigenen Toleranzbereich zu verhindern. Andererseits spürt der Hund sofort, wenn der Halter aus Unsicherheit bei sich anbahnenden Hundebegegnungen schon vorsorglich die Leine kürzer nimmt.

Die mittlerweile zu den Binsenweisheiten gehörende Regel, bei Hundebegegnungen den eigenen Hund anzuleinen, wenn der andere Hund an der Leine geht, sollte bekannt sein. Die weit verbreitete Meinung, die Hunde sollten doch mal „Hallo“ sagen dürfen und an sich rumschnuppern lassen, ist nicht zielführend.
Der Halter muss hier die Verantwortung für seinen Hund übernehmen und seinem Hund das Vertrauen geben, dass er die Situation im Griff hat und ggf. auch in seinem Sinne regelt.
Nur nachdem wir die Ursachen für die Schwierigkeiten bei Hundebegegnungen herausgefunden haben, können wir uns den Lösungen widmen.
Voraussetzung ist, dass der Hund zumindest in reizarmer Umgebung ohne weitere Ablenkung leinenführig ist. Leinenführigkeit bedeutet hier, dass die Leine durchhängt und der Hund sich am Halter orientiert. Richtungswechsel werden akzeptiert und der Hund ist jederzeit ansprechbar. Leinenführigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass der Hund unbedingt eine perfekte Fußarbeit wie auf dem Hundeplatz zeigt.
Solange die Leinenführigkeit ohne Ablenkung nicht klappt, ist an die nächsten Schritte noch nicht zu denken.
Auch sollten, wann immer möglich, ungewollte Hundekontakte oder andere Ablenkungen, die dazu führen, dass der Hund in alte Verhaltensmuster fällt, vermieden werden.
Der erste Schritt ist im besten Fall eine Trainingseinheit unter Anleitung mit einem zweiten Hund. Dies kann stationär (Trainingsplatz oder Wiese) oder in der Bewegung (Spaziergang) erfolgen.
Dazu wird ein erfahrenes Halter/Hund Team benötigt.
Der Trainer sollte beide Teams kennen, beobachten und anleiten können.
Bevor das „Trainerteam“ vom zu trainierenden Hund bemerkt wird, wird dieser in die Aufmerksamkeit genommen und bekommt das Kommando „Sitz“. An lockerer Leine wird der Hund mit Leckerchen in der Aufmerksamkeit gehalten, während das Trainerteam (Hund ebenfalls angeleint) in einiger Entfernung vorbei geht.
Die Individualdistanz soll nicht unterschritten werden.
Wenn dies klappt, und dazu können mehrere Trainingseinheiten notwendig sein, kann in ebenfalls größerer Entfernung die Rolle getauscht werden. Der Hund des Trainerteams befindet sich im Sitz und in ausreichender Entfernung geht der zu trainierende Hund an lockerer Leine in der Aufmerksamkeit am anderen Hund vorbei. Klappt dies nicht, war der Schritt zu schnell und es sollte wieder am Anfang begonnen werden.
Erst wenn beide Übungen problemlos ausgeführt werden, können beide Hunde in der Bewegung in ausreichender Distanz aneinander vorbeigehen. In weiteren Übungen kann dann die Distanz verkürzt werden.
Für diese Übungen werden im Laufe der Zeit verschiedene „Halter/Hunde-Teams“ zum Einsatz kommen müssen. Ansonsten kann schnell eine Gewöhnung an den ja bereits bekannten Hund entstehen.
 

02.04.21

Beschäftigung und Ruhe; die Mischung machts.

Wir als Züchter haben bestimmte Anforderungen an unsere zukünftigen Welpenbesitzer. Der Hund sollte bestenfalls eine „Berufsausbildung“ als Therapiebegleithund, Trüffelhund, Diabetikerwarnhund oder etwas vergleichbares bekommen. Andernfalls sollte er seine Aufgabe im Hundesport beim THS, Rally Obedience, Man Trail oder auch anderen Sportarten finden. Diese Anforderungen implizieren, dass wir uns eine Dauerbespaßung für den Hund wünschen.
Weit gefehlt.
Niemand ist ein unfähiger Hundehalter, weil er seinen Hund nicht tagtäglich an die Grenze seiner physischen und psychischen Leistungsgrenze bringt. Im Gegenteil. Viele Hund werden auffällig, weil sie einen voll ausgefüllten Stundenplan haben. Vormittags Hundeschule zur Sozialisierung, nachmittags ein langer Spaziergang mit Bällchen werfen zur körperlichen Auslastung und abends noch die Stunde Unterordnung zur Vorbereitung auf die Begleithundeprüfung. Der Hund kommt nicht mehr zur Ruhe, ist ständig aufgeregt, schnell gestresst, fordert Beschäftigung ein, schläft schlecht, frisst ggf. schlecht und ist schlussendlich nicht mehr kontrollierbar.

Studien bei Straßenhunden in Südafrika und Indien haben ergeben, dass die Bedürfnispyramide nach Maslow auch bei Hunden zumindest bei der Reihenfolge der Befriedigung von Bedürfnissen gilt. Zunächst werden die Grundbedürfnisse befriedigt. Dazu gehört Nahrungsaufnahme, Schlaf und Fortpflanzung. Hunde schlafen bis zu 18 Stunden am Tag. Zum Überleben von Straßenhunden gehört, möglichst wenig Energie durch nutzlose Bewegung zu verschwenden. Erwachsene Hunde spielen fast nie.

Wir bringen unseren Hunden bewusst bei, zur Ruhe zu kommen. Es gibt Tage, da unternehmen wir rein gar nichts. Auch dafür sind sie dankbar. Sie liegen herum, schlafen oder beobachten ihre Zweibeiner bei den Aktivitäten. An anderen Tagen haben wir ein volles Programm. Aber wir bestimmen ganz bewusst, wann es los geht und wir beenden auch die gemeinsame Aktivität. Gerade Hunderassen mit hohem Trieb müssen zunächst einmal lernen, zur Ruhe zu kommen. Danach kann mit dem Grundgehorsam begonnen werden und erst später sollte er an Triebsportarten herangeführt werden. Eine erfolgreiche Hundesportlerin und erfahrene Hundetrainerin sagte mal über ihre Border Collies: „Zunächst lernen sie, zur Ruhe zu kommen. Trieb krieg ich später immer drauf.“

Ich finde, da ist etwas Wahres dran. Sicherlich sind viele Hunde unterbeschäftigt und suchen sich dann ihre Abwechslung. Meistens sind es Dinge, die den Haltern nicht gefallen.

Gemeinsames Training ist wichtig, es baut Vertrauen auf und fördert eine tiefe Bindung zwischen Hund und Halter.

Aber wenn der Hund ständig unruhig, ängstlich, aggressiv oder gestresst ist und medizinische Gründe ausgeschlossen werden können, dann ist es vielleicht an der Zeit, etwas Ruhe in den Alltag zu bringen. Es kommt halt auf die Mischung an.